"Wer seine Bewerbungen komplett an einen Bot auslagert, spart vielleicht ein paar Stunden Zeit – verliert aber die Kontrolle über die eigene berufliche Identität."
Zehn persönliche Arbeitsbemühungen pro Monat. Wer in der Schweiz beim Regionalen Arbeitsvermittlungszentrum (RAV) gemeldet ist, kennt diese magische Zahl. Und wer ehrlich ist, weiss: Die Versuchung ist riesig, diese Pflicht so schnell wie möglich hinter sich zu bringen. Mittlerweile gibt es Programme, die den gesamten Prozess vollautomatisch abwickeln – von der Stellensuche bis zum Klick auf "Senden". Doch diese Alibi-Automatisierung hat einen gefährlichen Haken.
Die Verlockung des Bot-Bewerbens: Warum Alibi-Pipelines boomen
Die technologische Entwicklung macht es möglich: Einmal aufgesetzt, sucht eine automatisierte Pipeline im Hintergrund nach passenden Titeln auf Job-Portalen, füttert eine künstliche Intelligenz mit dem eigenen Lebenslauf, formuliert ein Anschreiben, das oberflächlich passt, und schickt die Bewerbung über die eigene E-Mail-Adresse ab. Monatlich flutschen so mühelos zehn oder mehr Bewerbungen heraus. Der Stellennachweis für den RAV-Berater füllt sich wie von Geisterhand. Keine Einstelltage, keine Sanktionen, kein Stress. Scheinbar.
Es ist eine verständliche Fluchtreaktion. Wer im RAV-System steckt, fühlt sich oft fremdbestimmt. Jedes Formular, jedes Gespräch im Vermittlungsbüro erinnert an die eigene Abhängigkeit. Den lästigen Bewerbungsprozess komplett an einen Bot auszulagern, fühlt sich nach einem Akt der Rebellion an. Nach einer cleveren Abkürzung, um dem bürokratischen Druck zu entgehen.

Die Passivitäts-Falle: Wie du dich selbst wegrationalisierst
Doch der Schein trügt. Psychologisch gesehen ist die vollständige Automatisierung eine gefährliche Passivitäts-Falle. Indem du den Prozess komplett delegierst, degradierst du dich selbst zum passiven Zuschauer deines eigenen Lebens. Du nimmst die "Opferrolle" an: Du bewirbst dich nicht, um einen tollen neuen Job zu finden, sondern einzig und allein, um das System zu füttern und nicht bestraft zu werden.

